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In eigener Sache: Bert Hellinger
Vortrag von Bert Hellinger in Germering am 20.01.2005 zum Thema:
"Nur die Liebe hat Zukunft"
Ich begrüße euch ganz herzlich zu diesem Abend mit dem Thema: Nur die Liebe hat Zukunft. Bevor ich zu dem eigentlichen Thema komme, möchte ich in eigener Sache etwas sagen. Ich habe das noch nie gemacht. Es ist hier das erste Mal, aber die Umstände verlangen, dass ich einiges von mir erzähle.
Die Vergangenheit Das Erste ist aus meiner Vergangenheit. Ich habe den Nationalsozialismus von Anfang bis Ende miterlebt. Ich bin also einer der wenigen noch lebenden Zeitzeugen. Ich weiß, wovon ich rede. Ich erinnere mich noch ganz genau, dass eines Abends mein Vater nach der Arbeit zur Tür hereinkam und zu meiner Mutter sagte: Hitler ist Reichskanzler. Er war sehr bedrückt. Er hatte eine Ahnung, was das für uns bedeuten würde. Wenig später konnten wir am eigenen Leib erfahren, was das bedeutet. Wir wohnten in Köln und wollten an einem Sonntag einen Ausflug machen ins Bergische Land. Wir gingen in die Frühmesse und als wir aus der Kirche kamen, warteten wir auf die Straßenbahn. Da ging ein SA-Mann auf meinen Vater zu und machte eine Bemerkung. Mein Vater machte auch eine Bemerkung. Daraufhin brüllte der SA-Mann meinen Vater an und wollte ihn verhaften. In dem Augenblick kam die Straßenbahn, meine Eltern und wir drei Kinder stiegen schnell in die Straßenbahn. Der Schaffner schloss sofort die Tür und die Straßenbahn fuhr ab. Aber der SA-Mann schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr brüllend hinter der Straßenbahn her. Der Straßenbahnschaffner überfuhr die nächsten Haltestellen, bis er den SA-Mann abgehängt hatte. Die Fahrgäste klatschen ihm Beifall. Das war in Köln damals noch möglich. Später hörte das auf.
Ich war damals sieben Jahre alt. Mit zehn Jahren kam ich in ein Internat in Lohr am Main, besuchte aber das städtische Gymnasium. Welcher Art dieses Internat war, möge eine kleine Episode verdeutlichen. Nach dem Anschluss Österreichs an Deutschland gab es eine Wahl. Offensichtlich haben einige der Patres in dem Internat und einige Schwestern, die dort für die Küche sorgten, mit Nein gestimmt. Aber es war keine geheime Wahl, die Wahlzettel wurden abgefangen. Am Abend gab es einen großen Fackelzug der SA, und anschließend ging eine Gruppe der SA-Männer vor dieses Haus und schmierten mit großen Buchstaben an die Wand: Hier wohnen Verräter und Wir wählten mit Nein. Dann warfen sie etwa 200 Fensterscheiben ein, und auch in den Schlafsaal, in dem wir schliefen, flogen Pflastersteine. Am nächsten Morgen wurden zwei der Patres in Schutzhaft genommen, und wir fuhren in die Ferien.
1941 wurde dieses Internat geschlossen und ich ging nach Kassel, wohin meine Eltern in der Zwischenzeit gezogen waren. Ich besuchte dort das Gymnasium. In Kassel schloss ich mich einer kleinen Gruppe der katholischen Jugendbewegung an, die aber schon viele Jahre vorher verboten worden war. Doch offensichtlich wurden wir von der Gestapo observiert. Am Ende der siebten Klasse wurde die gesamte Klasse eingezogen, zuerst in den Arbeitsdienst und dann zur Wehrmacht. Ganz am Anfang beim Arbeitsdienst kam einer der Arbeitsdienstführer am Abend zur Tür herein, ging gezielt auf mich zu und verwickelte mich in ein Gespräch. Er war von der Gestapo. Aber damals wusste ich das noch nicht. Er verwickelte mich in ein Gespräch über Nietzsche und Hegel, und natürlich als 17-jähriger ich war damals 17 Jahre alt wusste ich darüber ganz wenig. Aber ich wusste etwas. Dann sagte er in dem Gespräch: Hegel sah den heutigen Staat voraus. Ich sagte: Soweit ich weiß, Hegel hasste den Staat. Dann schoss es ganz plötzlich aus ihm heraus: Sie hassen den Staat. Auf einmal war mir klar: Das war ein Gestapoverhör.
Nach einem Jahr - ich war inzwischen bei der Wehrmacht und in Frankreich stationiert - bekam unsere Klasse das Abiturzeugnis zugeschickt. Die letzte Klasse wurde uns geschenkt, da wir ja alle bei der Wehrmacht waren. Aber es wurde ein Führungszeugnis vom Arbeitsdienst verlangt. Mir wurde das Abitur verweigert, weil in dem Führungszeugnis des Arbeitsdienstes stand: Er ist ein potentieller Volksschädling. Was das damals hieß, könnt ihr das ermessen? Das hieß: Er ist zum Abschuss freigegeben.
Was heutzutage manchmal mit mir passiert, erinnert mich fatalerweise an diese Situation.
Als meine Mutter davon hörte, ging sie zum Rektor der Schule und sagte: Mein Sohn ist jetzt bei der Wehrmacht. Er setzt sein Leben ein, und ihr verweigert ihm das Abiturzeugnis? Der Rektor schämte sich und händigte ihr das Abiturzeugnis aus. Meine Mutter hatte wie eine Löwin für mich gekämpft.
Nun war ich bei der Wehrmacht an der Westfront und war im Einsatz, im Kampfeinsatz. Viele Kameraden neben mir fielen oder wurden schwer verwundet. Ich selbst entging oft nur knapp dem Tod. Zum Beispiel als wir durch ein Minenfeld gehen mussten, weil es keinen anderen Ausweg gab.
Dann, vor Aachen, kam ich in amerikanische Kriegsgefangenschaft und war in einem Lager in Charleroi in Belgien interniert. Wir waren eintausendsechshundert Gefangene und arbeiteten jeden Tag zehn Stunden in einem riesigen Nachschublager der amerikanischen Armee. Wir bekamen aber auf Anordnung von Eisenhower nur die Hälfte der Kalorien, die für diese Arbeit notwendig gewesen wären, als Strafe für die Deutschen. Einige von uns wagten den Ausbruch. Sie wurden geschnappt, sofort an die Wand gestellt und erschossen. Nach einem Jahr habe auch ich den Ausbruch gewagt und war erfolgreich. Damals, kurz vor meinem zwanzigsten Geburtstag war ich endlich frei. Mein Bruder aber blieb im Krieg. Ich war ohne Gefahr, weil Deutschland den Krieg verloren hatte. Anderweitig wäre ich nicht sicher gewesen.
Also, wie viele wagen es, mich einen Nazi zu schimpfen und mich in diese Ecke zu stellen, die selbst nichts Vergleichbares erlebt haben und die sich nicht gegen ein totalitäres System unter Lebensgefahr bewähren mussten. Dennoch wagen sie es, mich anzugreifen und zu verunglimpfen.
Die Gegenwart Nun möchte ich zur Gegenwart kommen. Wieso gibt es solche verleumderischen und gehässigen Angriffe auf mich, getrieben von einem Vernichtungswillen? Nun, der Hauptvorwurf ist, dass ich die Täter auch als Menschen anerkenne wie mich. Das ist das große Ärgernis. Wieso komme ich zu so einer Haltung?
Das Erste ist, ich fühle mich in der Nachfolge Jesu. Er saß mit den Sündern am Tisch. Deswegen nahmen andere an ihm Anstoß. Er hat die Unterscheidung von Guten und Bösen aufgehoben. Zum Beispiel indem er sagte: Seid barmherzig wie mein Vater im Himmel. Er lässt die Sonne aufgehen über Gute und Böse, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Das ist die eigentliche Liebe, die niemanden mehr ausschließt. Und das ist die Liebe, die Zukunft hat. Über diese Liebe will ich heute sprechen.
Ein Zweites war für mich wichtig. Ich habe bei meiner Arbeit gesehen, dass es zwischen den Tätern und Opfern eine tiefe Verbindung gibt. Das erste Mal, dass es mir aufging, war in einem Kurs in Bern. Ein Mann hatte seine Familie aufgestellt. Danach sagte er: Ich muss noch etwas sagen: Ich bin ein Jude. Aber niemand aus meiner Familie ist umgekommen, wir lebten in der Schweiz. Aber seine Mutter hatte sich umgebracht und er war auch selbstmordgefährdet. Man konnte sehen, dass seine Mutter und er tief in ihrer Seele mit den jüdischen Opfern eins waren. Dann habe ich einfach sieben Stellvertreter aufgestellt für die ermordeten Juden und dahinter, in zwei Meter Entfernung, sieben Stellvertreter für ihre Mörder. Danach habe ich die Stellvertreter der Opfer sich zu den Tätern umdrehen lassen und habe nicht mehr eingegriffen. Es entstand eine Bewegung tief aus der Seele zwischen den Tätern und den Opfern. Die Täter waren übermannt von einem ungeheuren Schmerz. Als die Opfer das sahen, haben sie die Hand nach ihnen ausgestreckt und sie auch umarmt. Einer von den Tätern sagte: Das ist ja nur einer hier, da sind noch hunderte, denen ich mich stellen muss. Auf einmal konnte man sehen, wie Täter und Opfer in der Tiefe eins waren, verbunden mit tiefer Liebe. Wieso ist das möglich? Sowohl die Täter wie die Opfer konnten sehen, dass sie alle einer höheren Macht hinter ihnen ausgeliefert waren. Einer der Täter sagte: Ich fühle mich wie der Finger an einer mächtigen Hand von einer Macht, der ich völlig ausgeliefert bin.
Das war die erste Erfahrung dieser Art. Von da an konnte ich mich nicht mehr gegen Täter stellen, als wären sie anders oder als wären Unmenschen und wären nicht auch getrieben von einer anderen Macht, die hinter ihnen steht. Ich möchte hier kurz etwas sagen zur deutschen Situation. Ich habe es damals ja miterlebt. Das ganze deutsche Volk war mit wenigen Ausnahmen von einer gewaltigen Bewegung ergriffen und folgte Hitler. Nicht weil er sie verführte, denn auch er war Teil einer großen Bewegung. Nach dem Krieg, nachdem alle diese schaurigen Taten ans Licht kamen, wollten viele nicht mehr anerkennen, dass sie Teil dieser Bewegung waren. Sie schoben die Schuld auf einige wenige Täter und zogen sich zurück, verbündeten sich sogar innerlich mit den Widerstandskämpfern und sind jetzt noch sehr oft, als seinen sie selbst Widerstandskämpfer, aggressiv gegen andere, von denen sie sagen, sie seien Faschisten. Dabei verhalten sich oft genau so wie damals die Nazitäter: überheblich und zur Vernichtung der anderen, die anderer Meinung sind, bereit.
Nun, über die Einsicht, dass es die Opfer und die Täter zueinander zieht, war es mir möglich, in vielen Ländern dem Frieden zu dienen. Zuerst natürlich in Israel. Ich war dreimal zu Kursen in Israel eingeladen, und ich habe dort genau das gemacht, was ich schon beschrieben habe. Ich habe die Opfer und die Täter einander gegenüber gestellt. Man konnte auch hier sehen, wie sie aufeinander zugehen mussten. Sie konnten dem nicht entgehen. Da war zum Beispiel eine Frau, die sagte: Mein Vater wurde von einem Araber ermordet. Dann habe ich einen Stellvertreter für ihren Vater aufgestellt und ihm gegenüber einen Stellvertreter für den Mörder. Der Mörder hatte Angst. Auf einmal streckte der Vater ihm die Hand entgegen. Beide gingen aufeinander zu und haben sich umarmt. Dann sank der Vater zu Boden wie ein Toter, und der Araber, der Mörder, legte sich neben ihn. Sie waren im Tod versöhnt.
Eine der ganz großen Erfahrungen, die ich bei diesen Aufstellungen gemacht habe, war, dass die Toten, die toten Opfer und die toten Täter, zueinander finden können und wollen, außer ihre Nachkommen nehmen die Sache der Toten auf sich und wollen das ganze Drama noch einmal wiederholen. Damit stellen sich der Versöhnung in den Weg. Das Gleiche habe ich nicht nur in Israel erlebt, sondern auch in der Türkei im Konflikt zwischen den Türken und den Armeniern. Ich habe es auch in Japan gesehen, als ich die Täter und Opfer der einen Seite und die Täter und Opfer der anderen Seite zusammen aufgestellt habe. Wenn man den Bewegungen der Seele Raum gibt, spürt man und sieht, dass die Seele in der Tiefe die Versöhnung will. Sie will das bisher Getrennte miteinander verbinden.
Was steht dem entgegen? Die Anmaßung des guten Gewissens. Alle diese schlimmen Taten, alle diese Angriffe, kommen ja von Menschen, die meinen, sie hätten ein gutes Gewissen und seien unschuldig. Sie meinen, das gute Gewissen würde ihnen das Recht geben, andere anzugreifen und sogar zu vernichten. Wir können sehen, dass alle großen Konflikte ihre Kraft aus dem guten Gewissen ziehen. Die ganze Destruktivität der einen Partei gegen die andere kommt aus dem eigenen guten Gewissen. Beide Seiten haben nämlich ein anderes Gewissen, aber jeweils ein gutes.
Auf diese Weise habe ich in vielen Ländern dem Frieden gedient. Zum Beispiel lief in Spanien beim Konflikt zwischen den Basken und den Spaniern die gleiche Bewegung ab. Der Baske, der das aufgestellt hatte, war total offen für diese Versöhnung, aber am nächsten Tag bekam er heimlich einen Zettel zugesteckt, der ihn warnte und mit dem Tod bedrohte. Wieso? Weil er liebte, weil er die Trennung überwinden wollte. Ähnliches habe ich erlebt mit den Bürgerkriegsparteien in Spanien, den Nachkommen der Bürgerkriegsparteien. Denn unterschwellig geht dieser Konflikt noch weiter, und viele warten heute darauf, dass endlich Frieden sein darf. So ging es auch in vielen anderen Ländern. Das gibt mir die Kraft, auf meinem Weg weiterzugehen, ungeachtet dessen, was andere mir vorwerfen. Okay, das war jetzt in meiner eigenen Sache. Jetzt komme ich zu dem angekündigten Thema. Aber vielleicht lese ich noch euch einen kleinen Text vor, der den Tenor setzt und zeigt, was es heißt, wirklich zu lieben und welche Liebe Zukunft hat. Diesen Text habe ich vor kurzem geschrieben. Er heißt:
Alles Alles kann nur alles sein, weil es mit allem verbunden ist. Daher ist jedes mit allem verbunden. Nichts kann daher einzeln sein. Einzeln ist es nur, weil es mit allem verbunden ist, weil in ihm auch alles andere da ist. Daher bin auch ich gleichzeitig alles. Alles kann nicht ohne mich sein, und ich nicht ohne alles.
Was heißt das für die Art und Weise, wie ich lebe, die Art und Weise, wie ich fühle, die Art und Weise, wie ich bin? Ich sehe in jedem Menschen alle Menschen und damit in ihm auch mich. Ich fühle in mir auch alle anderen Menschen, jeden wie er ist. In jedem Menschen begegnen mir alle Menschen und in ihnen auch ich. Wie könnte ich daher in ihnen etwas ablehnen, ohne dass ich in ihnen auch mich ablehne? Wie kann ich mich an ihnen freuen, ohne dass ich mich in ihnen auch über mich freue? Wie könnte ich einem anderen Gutes wünschen, ohne es zugleich auch mir und allen anderen Menschen zu wünschen? Wie kann ich mich lieben, ohne auch alle anderen Menschen zu lieben?
Wer in allen alle sieht, sieht in ihnen auch sich, begegnet in ihnen auch sich, findet in allen auch sich. Wer daher anderen schadet, schadet auch sich. Wer andere verletzt, verletzt auch sich. Wer andere fördert, fördert auch sich. Wer anderen etwas vorenthält, enthält es auch sich vor, und wer sie mindert, mindert auch sich. Wer andere wirklich liebt, liebt sie alle. Nächstenliebe ist daher zugleich Allesliebe, einschließlich der Liebe zu sich selbst. Sie ist die reine Liebe und die erfüllte Liebe, weil sie in allem alles hat, vor allem auch sich selbst.
Nur die Liebe hat Zukunft Jetzt beginne ich mit euch gemeinsam das Einüben in diese andere Liebe, in die Liebe, die Zukunft hat. Welche Liebe hat Zukunft? Jene Liebe, die alles einschließt, statt dass sie etwas ausschließt. Jetzt können wir mal in uns hineinspüren und wir schauen ganz einfach auf unsere Eltern. Schließen wir etwas von ihnen aus? Was geschieht in unserer Seele, wenn wir etwas von ihnen ausschließen? Haben wir dann unsere Eltern wirklich? Oder gehen sie uns verloren - teilweise und manchmal sogar ganz?
Das Nehmen des Lebens mit Liebe Ihr könnt jetzt die Augen schließen, wenn ihr das wollt, und wir schauen auf unsere Eltern, wie sie sind, genauso wie sie sind, ganz gewöhnlich, gewöhnlich wie wir. Auch sie waren Kinder, waren beeinflusst von ihren Eltern und von dem, was in ihrer Familie passiert ist. Sie haben Grenzen, genauso wie wir. So schauen wir sie an, die Mutter, den Vater. Wir sehen hinter ihnen ihre Eltern und dahinter deren Eltern und deren Eltern und deren Eltern, endlose Generationen. Durch alle diese Generationen ist das Leben zu uns geflossen und zwar rein. Niemand konnte ihm etwas hinzufügen, niemand konnte ihm etwas wegnehmen. Im Nehmen des Lebens und im Weitergeben des Lebens waren sie alle vollkommen. Keiner war besser, keiner war schlechter.
So schaue ich jetzt auf meine Eltern, sehe hinter ihnen alle diese Generationen und sehe, wie das Leben durch alle diese Generationen und durch diese meine Eltern auf mich überfließt. Ich mache mein Herz weit und meine Seele. Ich sage: Danke, ich nehme es von euch, genauso wie es mir von euch zukommt. Ich nehme es mit allem Drum und Dran und zum vollen Preis, den es euch gekostet hat, und den es mich vielleicht kostet. Ich mach was daraus, euch zur Freude. Es soll nicht umsonst gewesen sein. Wenn ich darf, gebe ich es weiter, so wie ihr. Ich nehme euch als meine Eltern, und ihr dürft mich haben als euer Kind. Ihr seid die Richtigen für mich, und ich bin euer richtiges Kind. Danke. Ihr gebt, ich nehme. Ihr seid groß, und ich bin klein, so lange, bis ich alles von euch genommen habe, was ihr mir schenkt. Dann stelle ich mich neben euch und gebe weiter, was ihr mir gegeben habt mit Liebe.
Die Zustimmung zu allem, was war Natürlich haben unsere Eltern auch Fehler. Manches haben sie aus unserer heutigen Sicht falsch gemacht. Nun stellt euch vor, ihr hättet ideale Eltern gehabt, in jeder Hinsicht ideal, und alles wäre wunderbar gelaufen. Wie tüchtig wäret ihr für das Leben? Doch gerade die Fehler, die Herausforderungen, das, was uns abverlangt wurde manchmal auch mit großem Leid, geben uns eine besondere Kraft, wenn wir dem zustimmen. Wir können das einüben für uns. Wir schauen alles an, was in unserer Familie abgelaufen ist. Wir sehen, was wir ausklammern wollen, was wir weghaben wollen, und wie arm wir dadurch werden, wenn wir uns so verhalten.
Wir gehen jetzt den umgekehrten Weg. Wir schauen alles an, genau so wie es war, und sagen: Ja. So war es. Ich stimme ihm zu, genau so wie es war. Jetzt mache ich etwas daraus. Ich lerne davon und gewinne dadurch Kraft. Jetzt könnt ihr euch vorstellen, wie das ist, wenn jemand aus einer idealen Familie kommt. Kann er mit anderen mitfühlen? Kann er Barmherzigkeit fühlen? Oder ist er nicht vom lebendigen Leben weit gehend abgeschnitten? Wenn ihr jetzt auf euch schaut und auf andere, die manches Schwere mitgemacht haben, wie anders können sie mitfühlen mit anderen und wie viel mehr Kraft haben sie auch, anderen beizustehen und andere zu lieben.
Ihr seht, unsere gewöhnlichen Vorstellungen von Gut und Böse greifen hier nicht mehr. Es ist gerade auch die eigene Schuld und die Schuld, die andere uns gegenüber haben, aus der etwas wächst, was uns für die größere Liebe fähig macht. So gewinnen wir aus der Zustimmung zu unseren Eltern, genau so wie sie sind, und aus der Zustimmung zu allem, wie es war, genau so wie es war, ohne jedes Bedauern, ohne jeden Vorwurf und ohne jede Anklage, die Kraft zu einer Liebe, die nicht nur nimmt, sondern auch gibt.
Die Liebe zwischen Mann und Frau Fast alle von uns träumen von der erfüllten Liebe zwischen Mann und Frau in der Partnerschaft. Doch viele, wenn sie sich verlieben, sehen den anderen überhaupt nicht. Sie sehen ein Bild, ein Bild, das der idealen Mutter ähnlich ist, und erwarten, dass sie jetzt alles bekommen, was ihnen in der Kindheit gefehlt hat. Beide fühlen das Gleiche. Deswegen sind sie verliebt. Das ist ein wunderbares Gefühl. Wir dürfen es genießen und uns daran freuen.
Aber, wie wir alle wissen, diese Liebe auf den ersten Blick dauert nur kurz. Auf einmal steht uns der andere anders gegenüber, als wir es zuerst gedacht haben, und wir müssen uns umstellen. Wenn wir uns jetzt erinnern an unsere Kindheit und an unsere Eltern, und wenn wir in dieser Erinnerung alles nehmen, was uns geschenkt wurde bis zu diesem Zeitpunkt und wenn wir es annehmen, dankbar und erfüllt, gewinnen wir die Kraft den anderen so anzuschauen, wie er ist, ihn zu lieben, wie er ist, und ihm zuzustimmen, wie er ist. Dann müssen wir auf einmal auch das in uns hinein nehmen, was wir vielleicht an ihm ablehnen wollen, weil es uns fremd erscheint. Jetzt ist die gleiche Liebe gefordert, von der ich vorher gesprochen habe. Die große Liebe schließt mit ein. Sie stimmt allem zu, wie es ist, und gibt ihm einen Platz im Herzen.
Nun stellt euch vor, ein Mann und eine Frau machen das miteinander. Der Mann schaut die Frau an und sagt zu ihr: Ja. Ich liebe dich, genau so wie du bist. So bist du für mich wertvoll. Und ich liebe nicht nur dich, ich liebe auch deine Eltern und deine ganze Familie. Denn du gehörst zu dieser Familie. Ich achte diese Familie genau wie meine. Die Frau sagt es dem Mann ebenso.
Könnt ihr spüren, was das heißt für ihre Liebe? Jetzt kann zwischen ihnen ohne Unterschied alles hin und her fließen, das volle Geben und das volle Nehmen. Was steht dem entgegen? Wenn wir in der Kindheit nicht genommen haben, was unsere Eltern uns vermittelt und geschenkt haben. Wo immer es Schwierigkeiten gibt in der Partnerschaft, beginnt die Liebe nicht bei Mann und Frau. Sie beginnt bei den Eltern. Erst durch sie wird meine Liebe voll. Ja, Danke, Bitte
Ich mache noch einmal eine kleine Übung mit euch. Ihr könnt die Augen zumachen, wenn ihr wollt. Jetzt schaut auf euren Partner oder jemand anderen, mit dem ihr nahe verbunden seid und mit dem ihr nahe verbunden bleiben wollt. Ihr schaut ihn an und sagt zu ihm: Ja. Ich stimme dir zu, genau so wie du bist, mit allem Drum und Dran. Du darfst genau so sein, wie du bist. Ich nehme dich genau so. Ich liebe dich genau so. Ich freue mich an dir, genau wie du bist. Und ich schaue über dich hinaus auf deine Eltern, auf deine Mutter, auf deinen Vater, auf deine Geschwister. Ich stimme ihnen zu mit Liebe, so wie sie sind. Du darfst dir sicher sein, dass ich auch deine Eltern in dir liebe und ich ihnen mit Achtung begegne, dass sie für mich so sein dürfen, wie sie sind. Mann und Frau sagen sich das gegenseitig und schauen sich in die Augen.
Dann sagen wir ein Nächstes zu diesem Ja. Wir sagen dem Partner: Danke. Danke für alles. Ich nehme es genau so, wie du es mir geschenkt hast. Ich achte es. Es ist ein Teil von dir. Ich nehme es in mein Herz. Ich lasse mich davon erfüllen, und ich schenke dir aus dieser Fülle, was mein Herz mir sagt. Wenn beide das gegenseitig miteinander machen: Welche Fülle der Liebe ist möglich! Natürlich sind beide auch bedürftig. Der Mann braucht die Frau, weil die Frau etwas hat, was ihm fehlt. Und die Frau braucht den Mann, weil er etwas hat, was ihr fehlt. Sie haben Wünsche aneinander.
Was geschieht, wenn jeder dem anderen ein weiteres Wort sagt? Das Wort heißt: Bitte, einfach Bitte. Keine Forderung, sie tötet die Liebe. Nein, nur Bitte. Sie sagen sich das gegenseitig. Sie anerkennen, dass sie beide bedürftig sind und doch dem anderen etwas schenken können, was ihm wertvoll und wichtig ist. So, aus dem Ja und dem Danke und der Bitte wächst zwischen ihnen eine Liebe, die Zukunft hat.
Verstrickungen und ihre Lösung Es ist es eine der wichtigen Einsichten über das Familien-Stellen, dass wir alle in vielfältiger Weise eingebunden sind in die Schicksale unserer Familie. Es gibt in einer Familie ein gemeinsames unbewusstes Gewissen, eine tiefe Bewegung in der Seele, die nicht duldet, dass irgendjemand ausgeschlossen wird oder verteufelt oder vergessen. Wenn so etwas geschieht, wird unter dem Antrieb dieses kollektiven Gewissens später in dieser Familie jemand dazu bestimmt, den Ausgeschlossenen zu vertreten. Dann fühlt diese Person genau so, wie die ausgeschlossene Person. Statt dass diese Person ihr eigenes Leben leben kann und darf, muss sie das Leben einer ausgeschlossenen Person leben. Sie ist mit einem fremden Schicksal verstrickt. Diese Schwierigkeiten in einer Familie, zum Beispiel zwischen Eltern und Kindern, wenn ein Kind sich seltsam verhält, oder zwischen Mann und Frau, wenn plötzlich der eine merkt, dass der andere in eine Richtung geht, die er nicht mehr verstehen kann und auf die er keinen Einfluss hat, wirkt eine solche Verstrickung. Dann ist die Liebe auf eine neue Art gefordert.
Über das Familien-Stellen können solche Verstrickungen ans Licht gebracht werden. Die Lösung ist wieder genau die gleiche wie bisher. Was ausgeschlossen war, wird herein genommen und bekommt einen Platz in der eigenen Seele und in der Familie. Dann erst sind die anderen, die verstrickt waren, frei. Es ist eine der großen Errungenschaften des Familien-Stellens, dass solche Schwierigkeiten, für die wir sonst überhaupt kein Verständnis haben, auf einmal sinnvoll erscheinen und wir, wenn wir uns dem stellen, für uns und für den anderen eine gute Lösung finden.
Das Familien-Stellen Ich möchte jetzt etwas sagen über das Familien-Stellen. Das war jetzt ein Beispiel von Familien-Stellen. Erstens konnte man sehen, dass die Stellvertreter sofort verbunden waren mit etwas anderem. Sie können das nicht spielen. Sie sind verbunden mit etwas, was in dieser Familie da ist. Das ist für viele ein Ärgernis, dass es nämlich ein Wissen gibt, ohne dass man es mitgeteilt hat. Einfach vom Erleben her und von der Seele her. Das ist beim Familien-Stellen die entscheidende Einsicht gewesen.
Das Zweite ist, sobald wir nur auf den Einzelnen schauen, zum Beispiel nur auf ihn und auf seinen Bruder, finden wir keine Lösung, weil das Problem ein systemisches Problem ist. Es hängt mit etwas zusammen, was in dieser Familie vielleicht vor Generationen vorgefallen ist. Dann kann man durch Versuch und Irrtum sehen, wo es eine heilende Bewegung gibt. Hier konnten wir einen Anfang davon sehen. Viele sagen, man müsste doch eine Lösung finden. Stellt euch vor, wie es ihm geht, hätten wir eine Lösung in diesem Sinne gefunden. Wäre er stärker? Wäre er mehr bei sich? Wäre er mehr im Einklang mit seinem eigenen Schicksal und dem, was in seiner Familie passiert ist? Oder hätten wir wie ein Kurzschluss etwas zusammengebracht, und danach wäre das Licht ausgegangen? Nein, die Seele braucht Zeit. Alle guten Ergebnisse kommen aus einem inneren Wachstum. Er hat diesen einen Schritt gemacht, und das genügt. Daher seht ihr auch, wie achtsam diese Arbeit ist. Wir achten, was beim anderen ist, wir achten seine Familie, wir achten die Schicksale, und wir vertrauen, dass eine tiefe Bewegung das zusammenbringt, was bisher nicht zusammenkommen konnte.
Resonanz und Dissonanz Das Thema war ja: Nur die Liebe hat Zukunft. So einfach ist es aber mit der Liebe nicht, weil wir eben verstrickt sind. Ich möchte nun mit euch vielleicht noch eine kleine Übung machen. Ich erzähle dazu kurz etwas über die Familienfelder. Wir bewegen uns in einem Familienfeld, in einem geistigen Feld, in dem alles, was in der Familie passiert ist, noch immer weiterwirkt. Nichts ist in diesem System vergangen. Alles ist mit allem in Resonanz. Nicht immer zum Guten, auch zum Schweren. Eine der Beobachtungen beim Familien-Stellen ist, dass viele körperliche Beschwerden, viele Krankheiten, in Resonanz sind in diesem Feld mit einer ausgeschlossenen Person. Sie sind in Dissonanz mit unserem Körper und in Resonanz mit einer ausgeschlossenen Person.
Wir können jetzt eine kleine Übung für uns machen. Ihr könnt dazu die Augen schließen, wenn ihr wollt. Dann geht ihr in euren Körper und fühlt, wo etwas wehtut. Welches Organ leidet? Wo gibt es Schmerzen? Wo ist etwas krank? Dort geht ihr hin, zu diesem Schmerz, zu diesem Organ, legt euch gleichsam neben dieses Organ, atmet mit diesem Organ, kommt in Einklang mit diesem Organ und in Einklang mit seiner Liebe. In diesem Einklang lasst ihr euch von diesem Organ führen. Wo schaut es hin? Wo ist seine tiefe Liebe?
Auf einmal seht ihr vielleicht, jene ausgeschlossene oder vergessene oder verteufelte Person. Mit dem Organ sagt ihr zu dieser Person - vielleicht ist es sogar nur ein Kind, ein vergessenes Kind oder ein abgetriebenes Kind oder ein weggegebenes Kind - und ihr sagt: Ich liebe dich. Jetzt gebe ich dir in meiner Seele Raum. Ihr nehmt diese Person ins eigene Herz mit Liebe. Und ihr spürt, welche Wirkung es hat in der Seele und dem Körper und für dieses Organ. Und ihr nehmt jetzt das Organ auch ins eigene Herz mit Liebe. Jetzt darfst du bei mir bleiben. Jetzt gebe ich dir in mir Heimat. Ich führe diese Übung noch etwas weiter. Wenn in der Familie jemand aus der Rolle fällt, ein Kind zum Beispiel, das sich seltsam verhält, vielleicht drogensüchtig wird oder sonst wie verhaltensauffällig, oder wenn ein Partner sich plötzlich anders verhält, unverständlich für uns im Augenblick, dann legen wir uns neben dieses Kind oder neben diesen Partner, schwingen uns ein in seine Bewegung und lassen uns führen, wohin seine Liebe geht, zu welcher Person, die vielleicht vergessen oder ausgeschlossen ist. Wir schauen mit ihm diese andere Person an und sagen ihr mit ihm: Ich liebe dich. Auch ich gebe dir jetzt einen Platz in unserer Familie. Jetzt darfst du bei uns bleiben. Jetzt bist du bei uns wieder zuhause. Wir spüren, was sich verändert in der Beziehung, im Blick, in der Liebe. Dann verstehen wir vielleicht, was es heißt, wenn ich manchmal sage: Alle Kinder sind gut.
Wenn wir so mitgehen, kommt es auf einmal ans Licht: so wie die Kinder, sind auch die Eltern gut. Denn in was immer auffällig ist bei unseren Eltern, sie schauen woanders hin mit Liebe. Wenn wir mit ihnen schauen, werden wir auf einmal inne, wie viele Menschen uns wohlgesinnt sind, auf uns warten, und wie vielen Menschen wir sagen können und vielleicht müssen: Ich liebe dich.
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